UNSER POSITIONSPAPIER ZUR WELTSYNODE 2021-2023

Auf der Bundeskonferenz 2021 hat die Katholische Studierenden Jugend (KSJ) folgende Positionierung zur Weltsynode 2021-2023 verabschiedet:

Motiv

Wir, die KSJ, sind aktiv, gerne und selbstbewusst Kirche. Daraus ergibt sich für uns die Verantwortung, Kirche bewusst und kritisch mitzugestalten, von der Jugendverbandsgruppe in der Schule, über die Kirchengemeinde in der Stadt bis über Landesgrenzen hinaus. Die folgende Ausarbeitung ist als Plan, gewissermaßen als Landkarte für eine Kirche zu verstehen, wie wir sie fordern. „Viele kleine Leute, die an vielen kleinen Orten viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern.“ Also lasst uns Schritte tun! Schritte in Richtung Offenheit, Respekt, Mitbestimmung, in Richtung Nächstenliebe, Menschenwürde und Freiheit, in Richtung einer Kirche, die lebt, gelebt wird und leben wird.

Themenfeld 1: Zugehörigkeit

Wir orientieren uns am Vorbild Jesu. Er ist allen Menschen gleich nah, unabhängig von Religion, Herkunft, sexueller Orientierung, Geschlecht, sozialer Schicht oder Beruf. Im falsch verstandenen Bemühen, die kirchliche Lehre hochzuhalten, gibt es in der Kirche unmenschliche Haltungen, die Leid über Menschen bringen, insbesondere über Menschen in vorehelichen und nicht ehelichen Lebensgemeinschaften, über queere Menschen und über Geschiedene und Wiederverheiratete. Daher fordern wir, dass sich die Verantwortungsträger*innen deutlich von Fundamentalismus, Quietismus und unreflektiertem, geistlosem Aktivismus abgrenzen.

Wir halten die Überwindung der Engführungen in Fragen der Sexualität aus sexualwissenschaftlichen wie auch theologischen Gründen für dringend erforderlich, damit endlich niemand mehr strukturell diskriminiert oder benachteiligt wird.

Themenfeld 2: Zuhören

Kirche ist kein Selbstzweck, sondern steht stets unter dem Anspruch Jesu, im

Dienst an und mit dem Menschen. Aufgrund unserer positiven Erfahrungen mit

Transparenz, Demokratie und Geschlechtergerechtigkeit drängen wir auf deren

Verwirklichung auch in der Kirche. Nur so werden sich Menschen weiter gehört fühlen und sich mit Motivation und Identifikation in der Kirche einbringen. Eine

vertrauensvolle Gesprächsumgebung entsteht vor allem durch das Schaffen von gegenseitiger Annahme, Toleranz und Gleichberechtigung. Ein „Gespräch auf Augenhöhe“ findet aber durch das gezielte Ausschließen von Frauen und nicht binären Menschen aus Diensten und Ämtern in der Kirche und durch eine Machtzentralisierung nicht statt. Wir fordern daher gleichwertige Partizipationsmöglichkeiten für Frauen, für nicht geweihte und für junge Menschen unter dreißig, die immerhin ein Drittel der Mitglieder unserer Kirche ausmachen.

Themenfeld 3: Das Wort ergreifen

Das Miteinbeziehen von Lai*innen in Gremien sehen wir als KSJ nicht nur als Möglichkeit an, Meinungen, Ansichten und Wünsche zu äußern, sondern sehen darin

geradezu unsere Pflicht, an der Kirche Christi mitzuarbeiten. So bieten Institutionen

wie das Diözesankomitee, der Pfarrgemeinderat oder andere Gremien auf pfarrlicher, zwischenpfarrlicher und interdiözesaner Ebene, aber auch im nationalen und internationalen Bereich, die Möglichkeit, Anliegen zu äußern und die Kirche durch Mitarbeit zu ändern. Ebenso nehmen wir die Möglichkeit, im Rahmen des Synodalen Weges in Deutschland oder der Weltsynode an der Kirche mitzuwirken, dankend an, und fordern, dass auch in Zukunft derartige Foren von Seiten kirchlicher Amtsträger gemäß Themenfeld 1 und 2 gefördert und ins Leben gerufen werden.

Themenfeld 4: Feiern

Wir fordern eine Wertschätzung von individuellen Formen von Glaube, Spiritualität und Gottesbeziehung sowie, dass Christ*innen verstärkt dazu ermutigt und befähigt werden, sich mit ihrem eigenen Glauben aktiv auseinander zu setzen und

den Mut zu fassen, diesen auszugestalten. Wir fordern authentische Glaubensfeiern, und wir fordern, dass Glaubensfeiern endlich die Lebenswelten junger Menschen mit ihren besonderen Entwicklungsaufgaben berücksichtigen (können) – durch vermehrte Angebote an zugeschnittenen Gottesdiensten wie Kinder- und Jugendgottesdiensten oder Taizé-Gebeten – sowie das Miteinbeziehen und die Wertschätzung der ansässigen Jugendgruppen. Diese bieten bestimmten Gruppen einen besonderen, angepassten und leichteren Zugang zur Kirche, der die Identifikation der Besucher*innen mit der Kirche fördert und somit auch die Chance bietet, mit der regelmäßigen Feier der Hl. Messe und der weltumspannenden Kirche in Kontakt zu treten.

Weiterhin bedarf es einer Diversifizierung der Gottesdienstformen, denn auch Wortgottesdienste und andere Formen des Gottesdienstes bieten Möglichkeiten zur persönlichen Gottesbeziehung. Angebote solcher Art müssen dabei in ihrer Form anerkannt und gewertschätzt werden und nicht nur als "Ersatz" für die eucharistische Feier gelten. Die traditionelle Messe muss in ihrer Form so geöffnet werden, dass alle Christ*innen an ihr teilnehmen können und nicht nur das traditionell katholische Milieu.

Themenfeld 5: Mitverantwortung

Das Eintreten für den Glauben, die Menschen und die Kirche wird gerade durch die Botschaft des Evangeliums, sich überall für Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit, Geborgenheit, Glück, und Versöhnung einzusetzen, um so das Reich Gottes* auf Erden zu verwirklichen, gefördert.

In der Nachfolge Jesu zu leben, bedeutet für uns, politisch aktiv zu sein und durch politisches und gesellschaftliches Handeln das Reich Gottes* auf Erden zu verwirklichen. Gerade als junge Menschen sind wir in der Lage, Themen und Anliegen mit unserer Stimme anders zur Sprache zu bringen. Dies betrachten wir als einen wertvollen und prophetischen Dienst in und an der Amtskirche.

Viele Menschen sind in der heutigen Zeit auf Sinnsuche, nach einem vertieften Verständnis von Glaube, Religion und dem Gottesverständnis. Wir als KSJ wollen Menschen Angebote bieten, um sie zu einem tieferen Gottes*- und Glaubensverständnis zu begleiten.

Themenfeld 6: Dialogführung

Gerade in Diskussionsforen und Glaubensgesprächen auf Schul-, Verbands- oder Gemeindeebene können gute und fruchttragende Gespräche stattfinden. Hierbei ist es wichtig, allen Teilen der Gesellschaft Teilhabe zu ermöglichen, indem die Hemmschwelle der Teilnahme an gegenseitigem Austausch gesenkt und vielfältige Angebote geschaffen werden. Dieser Dialog ist ein notwendiger Beitrag zur Erneuerung der Kirche, die es immer und gerade heute braucht. Dazu gehört auch Kritik, die aus der aktiven, persönlichen und gemeinschaftlichen Auseinandersetzung mit Gott*, der Kirche und dem eigenen Glauben, erwächst.

Diese Kritik macht die Kirche lebendig und darum wollen wir kritische Loyalität fördern und einfordern, damit die Kirche sich nicht selbst im Weg steht, sondern Verlustängste überwindet und so ganz für die Menschen da sein kann; deshalb darf sich die Kirche auch nicht aus gesellschaftlichen Debatten zurückziehen.

Die Erneuerung der Kirche erleben wir auch in unserem Verband als ein Ringen, wohin Gottes* Geist uns führen will, der weht, wo er will, aber vor allem in die Freiheit führt.

Das Bild von Kirche, welches von vielen Menschen als veraltet, makelhaft und autoritär wahrgenommen wird, muss sich durch Veränderungen dahingehend wandeln, dass es allen Christ*innen leichter fällt, einen Zugang zu den Menschen zu finden und den Glauben zu verkünden.

Hierzu ist es aus Sicht der KSJ nicht nötig, den Grundgedanken der Kirche zu

verändern, sondern durch eine stetige Erneuerung aus dem Heiligen Geist heraus eine Veränderung der Struktur zu veranlassen, die das Haupt der Kirche – Christus selber – durch Christ*innen über alle Hindernisse und Grenzen hinaus in die Welt

weiterträgt. Ein vermehrtes Auftreten in allen Bereichen der Gesellschaft wie

Ethikräten, ökumenischen Veranstaltungen, Krankenhäusern und anderen sozialen

Einrichtungen würde nicht nur dem Grundgedanken der christlichen Botschaft

entsprechen, sondern zudem die Perzeption der präsenten Kirche bei allen Menschen positiv beeinflussen und zu einer Verbesserung der Fremdwahrnehmung beitragen.

Themenfeld 7: Andere Christliche Konfessionen

Wir als KSJ wertschätzen die Vielheit der christlichen Kirchen, sie stellt eine gute Repräsentation der Gemeinschaft der Gläubigen dar. Wir engagieren uns im ökumenischen Dialog, um gemeinsam die Konfessionen des anderen

kennenzulernen und wertzuschätzen. Hierbei gewinnen wir auch im Blick auf den eigenen Glauben und die eigene Gottes*vorstellung interessante und tiefergehende Einblicke. Unsere Beziehung zu anderen christlichen Religionen sollte dabei auf Augenhöhe sein, ohne die Vorstellung, dass unsere Schwestern*Brüder im Glauben im Vergleich zu uns defizitär wären.

Im Dialog sollten immer die Suche nach den grundlegenden Gemeinsamkeiten im Fokus stehen und nicht dogmatische Unterschiede überbetont werden, wie dies z.B in der gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre geschehen ist.

Auch die christlichen Glaubensrichtungen, die in Folge der Migration ab 2015 hierher gekommen sind bzw. schon da waren, sind für uns gern gesehene Partner*innen im ökumenischen Dialog und bringen Perspektiven ein, die besonders in unserem sehr westlich dominierten Dialog unterrepräsentiert sind und daher neue Perspektiven auf das Gottes*ereignis bieten.

Darüber hinaus ist der Dialog mit anderen, nicht-christlichen Konfessionen, Kulturen und Überzeugungen zu fördern, um im Sinne der Nostra Aetate „mit Klugheit und Liebe, durch Gespräch und Zusammenarbeit mit den Bekennern anderer

Religionen […] jene geistlichen und sittlichen Güter und auch die sozial-kulturellen

Werte, die sich bei ihnen finden, an[zu]erkennen, [zu] wahren und [zu] fördern“ (NA

2). Interreligiöser und interkultureller Dialog bilden die Grundlage für eine

zukunftsfähige und inklusive Gesellschaft, fördern Verständnis, Rücksicht,

Sensibilität und Reflektion. Wie bereits unter Themenfeld 6 geschildert, hat besonders die Jugend in den von der KSJ gesetzten Rahmenbedingungen große Potentiale, ohne versteifte und veraltete Vorbehalte in einen Dialog zu treten, der für das Zusammenleben aller Konfessionen und Kulturen gehaltvolle und innovative Ergebnisse erzielen kann.

Themenfeld 8: Autorität und Teilnahme

Eine Gemeinschaft wie die katholische Kirche kann nur für alle gut funktionieren, wenn alle Macht legitimierbar und kontrollierbar ist. Macht sollte auf möglichst viele Personen und Institutionen verteilt werden, die austauschbar sind und bei Machtmissbrauch zur Verantwortung gezogen werden können. Durch solche Strukturen kann die entstehende Macht als Instrument zum Vorteil aller genutzt werden. Die derzeit beste Form, diese Anforderungen zu erfüllen, ist die (wehrhafte) Demokratie.

Alle bestehenden Machtstrukturen in der Kirche sollen grundsätzlich in Frage gestellt werden und müssen ständig daraufhin überprüft werden, ob sie die oben genannten Anforderungen erfüllen. Tun sie dies nicht, muss eine Veränderung angestrebt werden.

Wir fordern demokratische Organisationsstrukturen in der Amtskirche und leisten Widerstand gegen antidemokratische Entwicklungen. Im Verband können unsere Mitglieder*innen von Anfang an mitbestimmen; Positionen werden gemeinsam diskutiert und abgestimmt; sämtliche Leitungspositionen werden gewählt. Unsere Diskussionskultur ist respektvoll und wertschätzend. Gemeinsam versuchen wir, miteinander Lösungen und Kompromisse zu finden. So wird die Bedeutung von Demokratie und deren Umsetzung selbstverständlich. Dies fordern wir auch für die Amtskirche.

Themenfeld 9: Entscheiden

Aufgrund unserer positiven Erfahrungen mit Transparenz, Demokratie und Geschlechtergerechtigkeit drängen wir auf deren Verwirklichung auch in der Kirche. Nur so werden sich Menschen weiter ernstgenommen fühlen und sich mit Motivation und Identifikation in der Kirche einbringen.

Daher sehen wir uns berufen, aktiv in der Kirche gegen Klerikalismus und für demokratische Strukturen einzutreten.

Das Verständnis von Gebeten muss hierbei so weit angepasst werden, dass es gleichermaßen eine Partizipation aller Anwesenden ermöglicht und im Sinne von Themenfeld 4 adressatenorientiert ist. Ökumenische Gebete und interreligiöse, spirituelle Impulse fördern auch die Anerkennung, Wertschätzung und das Sicherheitsgefühl der externen Gäste und Randgruppen (s.u.).

Themenfeld 10: Sich in der Synodalität bilden

Innerhalb der katholischen Jugend- und Erwachsenenverbände gibt es bereits eine Vielzahl an best-practise Beispielen, wie ein gemeinsamer Weg mit Beteiligungsmöglichkeiten für jede*n aussehen kann.

Wir als KSJ unterstützen den Vorschlag, einen Synodalen Rat der Katholischen

Kirche in Deutschland als ständiges Beteiligungs- und Weiterentwicklungs-gremium einzurichten, in dem Lai*innen und Geweihte eng verbunden arbeiten und in einem engen Austausch mit der Kirche an der Basis stehen. Wir erwarten, dass der Synodale Rat an den Struktur- und Machtproblemen arbeitet, um authentisch und im aktiven Tun dem Glauben Hand und Fuß zu geben und das Reich Gottes* auf Erden spürbar zu machen.